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Klaus Tietz, „Wo geht´s nach Ponte di Monte“

  • Perspektiven einer Pilgerreise auf dem Caminho Portugals –

Am frühen Morgen des Zweiten Weihnachtstags – die Stadt ist leicht vernebelt – stehe ich im Bremerhavener Bahnhofsgebäude, und weil ich vor Antritt der Reise noch etwas Zeit habe, fällt mir auf, was ich sonst kaum wahrnehmen würde. In dem weitläufigen Raum bleibt uns nichts anderes übrig als zu stehen, denn es gibt nur eine einzige kleine Bank, die gerade genug Platz für zwei bietet.

Auf dem gefliesten Boden liegen die Zigarettenstummel der letzten Tage, die Wartenden, – vielleicht ein Dutzend -, wirken wie eingefroren, wie einsam Gestrandete, die nirgendwo hingehören, die Gesichter verschlossen, jeder mit sich selber beschäftigt. Die Tristesse dieses Transit-Ortes ist so unwirklich wie unwirtlich. Wer hier steht, wer hier wartet, will aufbrechen, will reisen. 

Reisen führen entweder in die Ferne hinaus oder in die Heimat. In dem Maße, in dem Reisende die Welt erkunden, finden sie sich selber. Besser: Sie suchen nach sich selber. So sind Reisen, wie klein oder groß auch immer, beides zugleich: Suchbewegungen nach innen und nach außen. Gut betuchte und gut ausgebildete Reisende des 18. und 19. Jahrhunderts haben ihre Erfahrungen in Form von Reisetagebüchern für die zurückgelassenen Freunde und manchmal für die Nachwelt aufgezeichnet. Einige dieser Texte gehören heute zum literarischen Kanon, darunter Madame de Staels „Reisen durch Deutschland“ (1810) oder der Prototyp der Bildungsreise, Goethe´s „Italienische Reise“ (1786). Beide haben sich der damals jeweils vorhandenen Fortbewegungsmittel bedient, sie mussten oder wollten die Fremde nicht unbedingt zu Fuß erwandern. Anders als die jungen Handwerker, die jahrhundertelang auf Wanderschaft gingen, um „auf der Walz“ andere Regionen, andere Kulturen, andere Arbeitstechniken kennenzulernen. Anders auch als die reisenden Pilger, die ebenfalls seit Jahrhunderten zu den heiligen Stätten ihrer jeweiligen Religion aufbrachen, nach Jerusalem, nach Rom oder nach Mekka. Waren es früher zumeist Mönche oder unmittelbar religiös motivierte Wanderer, die sich auf eine Pilgerreise begaben, so sind heute Männer und Frauen aller Berufs- und Altersgruppen auf einem Netz von Pilgerpfaden unterwegs, die sich über ganz Europa erstrecken und alle dasselbe Ziel haben: Die Kathedrale von Santiago de Compostela, die – so wird behauptet – auf dem Grab des Apostels Jakobus errichtet wurde. 

Im Mai 2015 macht sich der Bremerhavener Klaus Tietz auf die Wanderschaft. Er ist kein junger Mann mehr und mit Ende 40 steht er voll im Berufsleben. Er hat drei Wochen Zeit, er fliegt von Bremen nach Porto, und dort beginnt sein Fußweg. Es sind 250 Kilometer bis zum Ziel. Aus dem Blog, den er täglich schreibt und an Freunde verschickt, wird drei Jahre später ein Buch: „Wo geht´s nach Ponte di Monte?“ Auf fast dreihundert Seiten erzählt Klaus Tietz mit Wärme und Witz nicht nur von den täglichen Anstrengungen, immer auf dem richtigen Pfad zu bleiben, sondern vor allem von den vielen Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen, mit denen er auf dem Weg oder in den diversen Unterkünften schnell ins Gespräch kommt, und die er mit wenigen Strichen so lebendig darstellt, dass dieser Bericht sich wie ein guter page-turner liest. 

Sympathisch ist die Offenheit, mit der er eingangs seine Motivation beschreibt, die ihn – viele Jahre nach der Lektüre des zum Kultbuch gewordenen „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling – dazu antreibt, auch einfach „mal weg“ zu sein.  Mit leiser Ironie zitiert er erfahrene Pilgerreisende, die sich „gerufen“ fühlten, um im gleichen Atemzug – fast beiläufig – zuzugeben: „Ja, auch mich schien etwas auf den Weg zu rufen.“ Er hat keine Angst, die großen Fragen zu benennen, die ihn auf die Reise führen: „Wenn es Gott gibt, wo ist er dann, und was ist er, sie oder es? Energie? Bewusstsein? Außerirdisch? Materiell? Feinstofflich? Oder bin ich ein Avatar und somit ein Teil seiner Simulation?“

Klaus Tietz´ Aufzeichnungen sind von erfrischender Ehrlichkeit, ihr lässiger Plauderton bewahrt ihn vor jedem falschen Pathos, ohne die heiligen Gefühle zu leugnen, die ihn auf der Reise bewegen. Der Wunsch nach „spiritueller Einkehr und Entscheidung“ wirkt ebenso glaubhaft wie die Suche nach dem passenden Wanderoutfit („dunkle Zipp-Off Outdoorhose, blaue Hardshelljacke und ein orangefarbenes Baseball Cap mit dem Logo der New York Yankees“) und nach einem Rucksack, „dessen Gurte sich nicht in den Transportbändern verhaken können.“ 

Ob er die unterschiedlich kommoden Schlafplätze der Pilgerherbergen beschreibt, die zahlreichen kleinen Cafehäuser, die er – buchstäblich im Vorübergehen – besucht, die berauschend schönen Ausblicke über den Atlantik, es sind in erster Linie die Menschen, die ihn faszinieren, die Mitwanderer, mit denen er vor allem die Abende verbringt, von denen er so atmosphärisch dicht und authentisch erzählt, dass die Veröffentlichung dieser zunächst für wenige Freunde gedachten Notizen keine Frage mehr war. 

Am Ende der Reise in Santiago de Compostela angekommen („Zielort von jährlich tausenden Pilgern“), vergleicht Klaus Tietz die erste Enttäuschung mit den himmlischen Erwartungen, die Dutzende von YouTube-Clips und diverse Filme („Pilgern auf Französisch“) bei ihm geweckt hatten. Aber die Ernüchterung nimmt ihm weder das Glücksgefühl noch den Witz, mit dem er beispielsweise die Geschäftigkeit in der Kathedrale beschreibt: Die vielen Beichtstühle erinnern ihn an einen „Weihnachtsbuden-Markt“, auf dem niemand seine Fragen beantworten kann, nicht zuletzt deshalb, weil er als Protestant zu den katholischen Priestern gar keinen Zugang hat: 

„Können wirklich alle Sünden, auch die schwerwiegenden, durch eine Pilgerwanderung vor Gott vergeben werden? Das kam mir so vor, als wenn ich mit Gott einen Deal aushandeln könnte. Ich laufe einfach 100 Kilometer, denn mehr bedarf es nicht, um als Pilger in Santiago de Compostela anerkannt zu werden, und schwups werden mir meine schlechten Taten vergeben, so einfach wäre das.“

Der Autor weiß am Ende, und bestimmt wußte er es von Anfang an, dass die Wanderung auf einem der Jakobswege seine Suche nicht beenden würde. Der Camino, schreibt er, habe ihm die Zeit gegeben, das zu erkennen und die eigenen Zweifel zu akzeptieren. Dass er seinen Bericht nicht mit diesem Kirchgang, sondern mit einem Besuch im nahegelegenen „Paradiso“ ausklingen lässt, einer Bar, in der er mit „Lisa, Vera, Katrin, Anja und Marina“, lauter Pilgerinnen, angeregt plaudert und sich „wie der Hahn im Korb“ fühlt, gehört zu dem feinen Humor, der ihn – ein Glück für seine Leser – auf dieser Reise niemals verlässt. Wer die Heimatstadt des Autors kennt, wird mit Genuss lesen, was Klaus Tietz in diesem Paradies einfällt: „Die Atmosphäre war klasse und erinnerte mich an meine wilden Zeiten in der „Alten Bürger“, eine Kneipenmeile in Bremerhaven, die bis Ende der 80-er Jahre einer der beliebtesten Ausgeh- und Feten-Ecken in Bremerhaven war.“ So kann ein Jacobsweg mit Gottes Segen von der Kirche in die Kneipe führen, wo die Gemeinschaft der Pilger nicht weniger heilig ist. 

„Der Kreis hatte sich geschlossen“, schreibt Klaus Tietz in den letzten Zeilen, „denn meine Reise endete so, wie sie begonnen hatte, mit einer Sehnsucht, auf dem Camino zu sein. Ich fühlte, dass ich ein Geschenk empfangen hatte, für das ich sehr dankbar war – und immer noch bin.“

Hans Happel

Klaus Tietz:

„Wo geht´s nach Ponte di Monte“

  • Perspektiven einer Pilgerreise auf dem Camino Portugues –   

Verlag tredition 2018 (287 Seiten)

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