Quelle: Nordsee-Zeitung GmbH. / Ausgabe vom 18.12.2018

Für den Schiffdorfer, der als IT- Administrator arbeitet, gleich in mehrerer Hinsicht ein ungewöhn- liches Unterfangen. „Eigentlich bin ich ja ein Stubenhocker“, be- kennt er. Ein Computernerd, der lieber vorm PC hängt als in die Sonne blinzelt und das Spazie- rengehen immer langweilig fand. Und einer, der viel lieber mit Da- ten umgeht als mit Worten. Trotz- dem ließ ihn die Idee nicht los. „Ich war damals selbstständig, hatte sehr viel Stress und hatte das Gefühl, dass ich unbedingt mal ganz raus muss.“

Aber es sollte eine Auszeit wer- den, die auch eine Herausforde- rung bedeutete. „Ich wollte nicht nur was Anderes tun, mal loslas- sen von der Technik, ich wollte auch alleine losfahren, etwas, was ich zuvor noch nie getan hatte. Das sollte mein Ding werden.“ 2014 nahm die Idee Formen an. Tietz nahm aus Zeitgründen den portugiesischen Teil des Jakobs- wegs ins Visier, den Weg von Por- to nach Santiago de Compostela. Der ist mit 250 Kilometern deut- lich kürzer als der viel frequen- tierte Weg von den Pyrenäen nach Santiago.

Als Tietz dann eines verregne- ten Abends im Mai 2015 ganz al- lein in einem Restaurant in Porto saß, „war das schon ein komi- sches Gefühl“, gesteht er. Seine Gedanken vertraute der frisch ge- backene Pilger seinem Blog an. Denn ganz hatte den Computer- nerd die Technik nicht losgelas-

sen. Der Blog war sein Weg, um Freunde zu Hause an der Tour teilhaben zu lassen. So tippte er seine Erlebnisse ins kleine Smart- phone-Fenster, erzählte von hilfs- bereiten Portugiesen und anhäng- lichen Mit-Pilgern, von kargen Herbergen und köstlichen Aben- den, von schönen Aussichten und guten Einsichten, von Blasen an den Füßen und den Blasen an der Seele, mit denen er sich eigent- lich beschäftigen wollte.

Letzteres kam aber zu kurz. „Ich hab gedacht, dass ich beim Laufen viel Zeit hab, um nachzu- denken. Aber das funktionierte nicht. Auf der Pilgertour beschäf- tigt man sich mit dem Hier und Jetzt, mit dem Weg, der Frage, wie viel man schafft und wo man übernachtet“, erzählt er. Aber ge- nau das entpuppte sich als das einzig Wahre: „Man läuft in eine Leere, und irgendwann ist der ganze Ballast weg.“ Sein elektro- nisches Tagebuch hatte Tietz ur- sprünglich nur für ein paar Freunde und Bekannte eingerich- tet. Aber bald hatte er 170 Leser. Und der Schiffdorfer begann, Spaß am Schreiben zu entwi- ckeln. „Das half mir, meine Ge- danken zu sortieren.“ Bald freute sich Tietz auf die Abende, darauf Zeit zu haben, um das aufzu- schreiben, was er erlebt hatte.

Dass daraus mal ein Buch wer- den würde, hat er damals nicht geahnt. „Aber die Resonanz auf meine Texte war so positiv, dass ich zu Hause beim Überarbeiten irgendwann auf die Idee gekom- men bin“, erzählt er. Stolz hält er jetzt das erste Exemplar seines 280-Seiten-Werks in der Hand. „Ich hab eine Seite in mir ent- deckt, von der ich nicht wusste, dass sie existiert. Ich hab gelernt, dass ich schreiben kann.“. Etwas Besseres kann man über eine Rei- se wohl kaum sagen.

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